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Freitag, 20. Juni 2008

Seattle

Ich sitze gerade in der Bibliothek in Downtown Seattle, einem tollen Koolhaas-Gebäude mit kostenlosem Internetzugang sowie Büchern und Filmen für jeden. Mein Reiserucksack wartet am Bahnhof auf mich und gleich mache ich mich auf den Weg nach Vancouver. Ich habe hier drei wunderbare, entspannte Tage verbracht - in dem besten Hostel, das ich bislang kenne. Es lag zwar etwas außerhalb, hatte dafür aber Seeblick, wunderbar neue und blitzsaubere Küche und Badezimmer und sehr nette Leute, mit denen ich schöne Abende verbracht habe. Das war besonders wertvoll als ich ziemlich abgekämpft hier aus Portland ankam. Das Nahverkehrssystem hier ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und hatte mich, der ich ohnehin übermüdet war, ziemlich genervt. Wahrscheinlich war ich aber auch noch vom Bahnhof in Portland beeindruckt, in dem ich die vermutlich unpraktischste Zug-Organisation der Welt erlebt hatte: Die Tickets kann man erst online bestellen, muss sie dann am Automaten am Bahnhof abholen, dann nach einer langen Schlange mit dem Ticket einen Sitzplatz zugewiesen kriegen und dann in einer noch längeren Schlange mit warten bis man mit Ticket und Sitznummer zum Gleis gelassen wird. Ich halte das für eine Leistung!

Hier in Seattle bin ich vor allen Dingen wieder viel gelaufen, habe die üblichen Wahrzeichen der Stadt gesehen, und ein paar Bilder gemacht. In der Gegend der Uni war ich aber auch in einigen Parks und Gärten unterwegs und habe eine Buchhandlung gefunden, die nur Lyrik verkauft. Es ist eine von nur zwei in den ganzen USA, doch deren Überleben ist trotzdem bewundernswert. In einem Science Fiction Museum sah ich Ripley's Waffe aus Alien I und habe eine unmissverständliche Einladung eines nicht sehr sympathischen schwulen Pärchens ausgeschlagen. In dem Musikmuseum nebenan wurde ich zwar nicht angebaggert, sah aber eine Ausstellung über Jimi Hendrix und Eric Claptons ehemalige Lieblingsgitarre. Auch insgesamt sind mir viele wunderliche Leute über den Weg gelaufen, die beispielsweise Passanten beschimpften oder einfach nur herumbrüllten. An der Bushaltestelle beim Hostel lief mir an einem Tag sogar zweimal derselbe Gothic-Typ mit (vermutlich) zweimal derselben Schlange auf den Schultern über den Weg und schaute mich streng an. Viele andere Gäste im Hostel hatten ähnliche Geschichten auf Lager.

Vielleicht liegt es aber auch an Seattle selbst oder zumindest einer gewissen Tradition von wunderlichen Gestalten. In einer Untergrundführung habe ich nämlich folgendes über die Geschichte der Stadt erfahren: Ursprünglich wurde die Stadt auf Meereshöhe gebaut, nachdem man den sandigen Boden einfach mit Sägespänen zugekippt hatte. Deswegen sank aber alles nach und nach ein und die Leute waren ziemlich verzweifelt. Ein großes Feuer 1889, das 33 Blocks völlig verwüstete, nahm die Stadt dann zum Anlass, die Gegend im Stadtzentrum diesmal besser zu befestigen. Den Grundbesitzern, die dort Geschäfte betreiben wollten, dauerte das aber zu lange und sie bauten einfach drauflos. Daraufhin setzte die Stadt, die alles eigentlich mit Schutt und Geröll auf drei Meter über den Meeresspiegel heben wollte, kurzerhand die Straßen neben den Gebäuden drei Meter höher! So musste man vom Bürgersteig aus mit einer Leiter auf die Straße klettern und an der anderen Seite wieder hinabsteigen. Das wiederum war gefährlich, da schwere Dinge auf die Leute auf den Bürgersteig fielen, und die Stadt kleisterte die Bürgersteige schließlich mit Stahlträgern, gemauerten Bögen und Beton zu, sodass man von der Straße in den ersten Stock einsteigen konnte. Die meisten bevorzugten aber wegen des oft schlechten Wetters hier die so überdachten Bürgersteige im Erdgeschoss und deren Unübersichtlichkeit sorgte wiederum für eine hohe Krimilnalitätsrate. Daher wurden schließlich alle Zugänge versigelt und der Untergrund - oder eher "das Erdgeschoss" - geschlossen. Seit wenigen Jahren kann man nun aber einige Teile davon besichtigen. Die Führer auf diesen Touren halten sich allerdings ungerechtfertigterweise für Stand-up-Comedians - und das obwohl die Materie alleine schon lustig genug ist.

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